kurz und schmerzend – Anthologie von Herbert Glaser

Leseprobe der Kurzgeschichte „Endspiel“:

Die aufgehende Sonne lugte durch die halb hochgezogene Jalousie und warf gelbe Streifen an die gegenüberliegende Wand. Der Glastisch in der Mitte des Raums war übersät mit leeren Bierflaschen und übereinandergestapelten Pizzakartons.

Adrian lag zusammengerollt auf der Couch und schnarchte mit geöffnetem Mund.

Ein schriller Ton weckte ihn auf. Er fasste sich an den Kopf und verzog schmerzhaft das Gesicht. Weitere sechs Klingeltöne später hatte er endlich das Mobilteil seines drahtlosen Telefons gefunden und fixierte mit zusammengekniffenen Augen das Display. Dienst nicht verfügbar.

Adrian nahm das Gespräch an.

„Karin … Schatz … bist du das? Hast du wieder deine Handynummer unterdrückt?“

„Ich bringe mich um.“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war eindeutig männlich.

„Dirk … bist du das?“

„Ich werd’s tun … ich bringe mich um.“

Adrian verdrehte die Augen, die zwei Landkarten aus roten Äderchen glichen.

„Mann Dirk, hör auf mit dem Scheiß, das ist nicht lustig.“ Er spähte auf die Digitalanzeige des Hörers. „Weißt du eigentlich, wie viel Uhr es ist? Gestern hab ich mit den Jungs das Endspiel geguckt … und es ist echt spät geworden, also …“

„Hier ist nicht Dirk und ich mag auch keinen Fußball.“

Adrian schüttelte den Kopf und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. Er wollte gerade etwas sagen, als ihm der Anrufer zuvorkam.

„Ich bin Ralf … bitte helfen Sie mir.“

„Ralf, aha. Und was …?“

„Ich muss mit jemandem reden und hab einfach eine Nummer gewählt.“

„Nun hör mal zu … Ralf … ich kenne dich nicht und dein Problem geht mich nichts an. Ich leg jetzt auf.“

„Nein bitte … wenn Sie auflegen, dann … ich weiß nicht mehr weiter.“

Adrian stand auf, wobei er sich kurz an der Armlehne seiner Couch festhalten musste. „Ich geh Pissen. Wenn du so lange dranbleiben willst … bitte sehr.“

Ohne eine Antwort abzuwarten legte er den Hörer weg, torkelte ins Bad und erleichterte sich. Anschließend hielt er den Kopf unter kaltes Wasser.

Er ließ sich wieder auf die Couch plumpsen und schob ein kleines Stück Pizza vom Vorabend in den Mund.

„Bist du noch da, Ralf?“

„Natürlich … danke, dass Sie nicht aufgelegt haben.“

„Also, pass auf … du sagst mir, wo du bist, ich wähle den Notruf, die schicken jemanden vorbei und …“

„Niemals, die Ärzte haben doch keine Ahnung.“

„Was willst du ausgerechnet von mir?“ Er verdrehte die Augen.

„Haben Sie eine Freundin?“

Adrian zog die Brauen zusammen.

„Ja, aber was geht dich das an?“

„Ich … ich habe Probleme mit Frauen.“

„Das ist doch kein Grund …?“

„Heute Nacht“, unterbrach Ralf ihn, „war mein erstes Mal.“

„Ach so, du warst noch Jungfrau.“ Adrian lachte kurz auf. „Und hast ihn nicht hochgekriegt, oder?“

„Es lief nicht so, wie es hätte sein sollen.“

„Was meinst du damit?“

Ralf machte eine längere Pause.

„Ich glaube, es war ein Fehler, bei Ihnen anzurufen. Am besten lege ich auf und bringe die Sache zu Ende.“

„Moment mal!“ Schwungvoll setzte Adrian sich auf. „Erst nervst du mich, dass ich nicht auflegen soll und jetzt, wo es spannend wird, da willst du dich verabschieden. Erzähl mal schön weiter … was ist denn nun falsch gelaufen mit der Frau?“

Einige Zeit waren nur Ralfs gleichmäßige Atemzüge zu hören.

„Ich wollte ihr gar nicht weh tun, verstehen Sie?“

Adrian spürte Gänsehaut auf seinen Armen prickeln.

„Was meinst du damit, ihr nicht weh tun?“

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