YADOKARI BLUE – Die magische Reise der Janne O.

Yadokari Blue – Die magische Reise der Janne O. ist ein romantischer Roman, der von der neu erwachenden Liebe zwischen zwei Frauen erzählt und seine Leser*innen in einen entlegenen Winkel Japans, nach Okinawa entführt. Sicherlich ist Yadokari Blue in erster Linie eine lesbische Love-Story – und dennoch geht es in der Geschichte um vieles mehr. Mit meinem Roman möchte ich nicht ausschließlich ein lesbisches oder queeres Lesepublikum ansprechen, denn die Story ist auf jeden Fall ein kulturelles Abenteuer, eine Geschichte aus dem Reisekoffer. Yadokari Blue erzählt vom Eintauchen in eine fremde Kultur, vom Überwinden der Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen und nicht zuletzt von Freundschaft. Es ist eine Geschichte, die den einzigartigen Animismus Okinawas aufgreift, einen Schamanismus, der auf den entlegenen Inseln immer noch lebendig ist und den Janne im Buch hautnah erlebt. In gewisser Weise wird er sogar zu einem Teil ihres neuen Lebens.

ISBN: 978-3-347-19729-9

Leseprobe

Ein strahlend klarer Himmel spannte sich im sattesten Blau über das verschlafene Hafengelände im Nordwesten Okinawas. Seit ich den Flughafen und die Ballungsgebiete im Süden der Insel hinter mir gelassen hatte, waren mir nur noch so wenige Fremde, wie Wolken am Himmel begegnet. Jetzt schien ich sogar die einzige Fremde zu sein, die suchend und ein wenig unbeholfen ihren karierten Rollkoffer über das holprige Hafengelände schleifte. Etwas außer Atem schob ich dem blassen, jungen Mann am Schalter 3600 Yen für eine Überfahrt mit der Fähre unter der Glasscheibe hindurch und folgte einer fröhlich gestimmten Traube einheimischer Okinawa-Japaner zur Anlegestelle. Auf dem übersichtlichen Gelände war es nicht einmal schwer, die richtige Fähre auszumachen. Immerhin gab es nur ein einziges Schiff, das im Hafen lag und gerade noch mit grasgrünen Containern beladen wurde. Wie all die anderen Passagiere hielt ich der rundlichen Kontrolleurin mein Ticket hin. Mit einem energischen Ruck riss sie die Hälfte davon ab und nickte mir mit einem kaum hörbaren „Thank you“ auf den Lippen zu.

Mein Herz klopfte wie verrückt, fast wie vor der Tür einer Bar, in der die Verabredung meines Lebens auf mich wartete. Was für ein Vergleich…, dachte ich bei mir selbst. Seit einer Ewigkeit hatte ich keine Verabredung mehr. Überhaupt hatte ich das ganze letzte Jahr nur einen Fuß vor die Tür gesetzt, um wie ein pflichtbewusster Mensch zur Arbeit zu gehen. Jetzt hatte ich es endlich geschafft, war auf die Reise gegangen. Zum ersten Mal, seit dem Tod meiner geliebten Nori, hatte ich mich über München hinausbewegt. Ich konnte mich noch nicht einmal daran erinnern, wann ich zuletzt alleine, ohne Nori, in einem Flugzeug gesessen hatte. Die Zeit vor Nori war wie verblichen in meinem Kopf und die Zeit nach ihr, sie hüllte mich ein wie ein unwirkliches Vakuum, ganz ohne die rot blinkende Exit-Lampe.

Nun war ich endlich aufgebrochen, um das schwarze Schaf der Kurota-Familie kennenzulernen. Es hatte einen Namen, das schwarze Schaf – Yoshi Kurota. Yoshi war der verschollene Bruder, der meiner geliebten Nori vor einer halben Ewigkeit auf so schmerzhafte Weise verlorengegangen war. In einer knappen Stunde sollte ich ihm leibhaftig gegenüber stehen. „Kurota, schwarzes Feld…“, murmelte ich die Bedeutung der beiden Schriftzeichen vor mich hin. Yoshi, das schwarze Schaf, schien seinem Namenszeichen alle Ehre zu machen.  

Ich deponierte meinen Koffer in einer Ecke der Passagierkabine und stieg die Metalltreppen zum Deck des Schiffs hinauf. Von dort oben hatte ich den besten Blick über den Hafen, auf das glitzernde Meer hinaus. Unter dem endlosen Blau des Himmels leuchtete die rostige Anlegestelle orangerot vor dem pastellgrün gestrichenen Hafengebäude. Alles wirkte auf mich so faszinierend farbig, so neu und zauberhaft, wie in einem fantastischen Film, von dessen Drehbuch ich noch nicht die geringste Ahnung hatte. Erwartungsvoll lehnte ich mich gegen die Reling und atmete die salzige, feuchte Seeluft ein.

In all den Jahren, die ich mit Nori zusammengelebt hatte, war ich Yo-shi kein einziges Mal begegnet. So gut wie nie hatte mir Nori wirklich etwas über das vergangene Leben mit ihrem Bruder erzählt. Das war der Grund dafür, weshalb in meinem Kopf nicht mehr als ein Dutzend vergilbter Fotografien der Kurota-Geschwister existierten. Sobald ich an die geschwisterlichen Bande zwischen Nori und ihrem Bruder dachte, reihten sich vor meinen Augen lediglich ein paar unbewegte Bilder aus Noris hellgrüner Fotokiste auf. Als wären sie ihnen absichtlich zugefügt worden, verrieten die Knicke und Risse in den alten Fotografien unausgesprochene Verletzungen, die sich einst in der Wirklichkeit zugetragen haben mussten.

Für mich waren die Geschehnisse hinter der Fotofassade immer ein Geheimnis geblieben, ein verborgener Teil aus Noris Vergangenheit, über den sie niemals auch nur ein einziges Wort verloren hatte. Vor meinem geistigen Auge sah ich zwei spielende Kinder am Meer, zwei lachende Teenager in Schuluniform und zwei Erwachsene, die vor der schneebedeckten Kulisse der Schweizer Alpen eigentümlich entfremdet voneinander in die Kamera lächelten. Das Bild vor dem weißen Gipfelpanorama musste die letzte Fotografie gewesen sein, die von Nori und Yoshi zusammen geknipst wurde. Es unterschied sich von all den anderen Bildern, allein schon durch eine sonderbare Aura der Fremdheit, die es ausdrückte. Mich hatte es damals noch nicht in Noris Leben gegeben. Nicht die geringste Vorstellung hatte ich davon, was sich zwischen zwei so eng miteinander verbundenen Leben hinter den vergilbten Abzügen eingefangener Schnappschüsse abgespielt haben mochte. 

Ich atmete tief durch und spürte, wie die Seeluft meine Lungen mit salziger Lebendigkeit erfüllte. Die Fähre steuerte aus dem Hafenbecken geradewegs weiter und weiter auf das offene, dunkelblaue Meer hinaus. So weit das Auge reichte, überall lag nichts als die dunkel schillernde Oberfläche des Wassers vor mir. Der Bug des Schiffes durchschnitt die Ordnung der Wellen, die Harmonie miteinander schwingender Wassermoleküle, jeden Bruchteil einer Sekunde, immer wieder aufs Neue. In weniger als einer Stunde sollte ich zum ersten Mal in das Gesicht von Noris Bruder sehen. Ich konnte es kaum glauben und selbst die letzte Reiseetappe vor dem Ziel änderte nichts daran, wie unwirklich mir die Begegnung mit Yoshi immer noch erschien.  

Auf dem Dach der blütenweißen Fähre wurde mir plötzlich klar, wie eigenartig wenig ich wusste, über die Familie der Frau, mit der ich über so viele Jahre hinweg ein glückliches Leben geführt hatte. Über Yoshi wusste ich nur, dass er nach der Scheidung der Eltern bei seinem Vater in Japan geblieben war, dass er wie viele andere Durchschnittsjapaner Informatik studiert und in Tokyo für einen der riesigen, gesichtslosen Konzerne gearbeitet hatte. Wie aus heiterem Himmel hatte Yoshi auf irgendeiner Sprosse der Karriereleiter sein Leben in Tokyo aufgegeben, um sich auf einer kleinen Insel im Nordwesten Okinawas niederzulassen.

Von Nori wusste ich, dass ihr Bruder fünf Jahre jünger war, als sie selbst und ihr in Kinderzeiten sehr nahe gewesen sein musste. Mit dieser einen Hand voll Informationen erwartete ich einen braungebrannten Aussteiger von etwa 30 Jahren und damit endete meine Vorstellung, bevor sie überhaupt erst richtig Gestalt annehmen hätte können. Eigentlich schade, dass Yoshi uns nie in Deutschland besucht hat…, dachte ich und lehnte mich gegen die hellgrüne Reling. Wie so oft ließ ich mich spontan in die Welt meiner Wunschträume fallen und stellte mir vor, Nori könnte einfach so neben mir stehen. Der Gedanke, noch einmal gemeinsam mit Nori auf das Meer hinauszuschauen, weckte nostalgische Reiseerinnerungen tief in meinem Inneren. Ein leiser Seufzer atmete den Schmerz aus meiner Brust in die salzige Freiheit hinaus.

Eine knappe Stunde sollte die Überfahrt dauern, so glaubte ich zumindest auf dem Schild in der Schalterhalle entziffert zu haben. Meine Nervosität wuchs mit jeder Sekunde, die verstrich. Inständig hoffte ich, Yoshi an der Anlegestelle zu erkennen. Aus seiner letzten Email wusste ich, dass er einen langen Zopf und einen hellen Panamahut tragen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass allzu viele Inselbewohner mit langem Haar und hellem Sonnenhut am Pier stehen würden. Im nächsten Moment wurde mir die Lächerlichkeit meiner Sorge bewusst. Ich fuhr auf eine winzige Insel im Nordwesten Okinawas. Die Vorstellung, dass Yoshi und ich uns am Hafen verpassen könnten, war angesichts der dünnen Besiedelung reichlich idiotisch. Obendrein gab es außer mir keine einzige Europäerin an Bord. Es war nicht nur zu erwarten, sondern sogar absolut sicher, dass Yoshi und ich uns finden würden. Naja…für den Notfall habe ich seine Adresse und ein Taxi wird es wohl geben…, dachte ich und stützte meine Ellbogen auf das Geländer der Reling. Meine absurden Gedanken führten mir vor Augen, wie lange ich nicht mehr einfach so ins Blaue hinein verreist war. Über solche Banalitäten hatte ich mir früher nie Gedanken gemacht.

Okinawa Mainland war längst aus meinem Sichtfeld verschwunden. Vor dem azurblauen Horizont zeichnete sich vage die grüne Silhouette einer bergigen Insel über der Wasseroberfläche ab. Die gesamte Ostseite der Insel lag wie eine symmetrisch geformte Erhebung vor mir, eingebettet in den feinen Dunst der Tropen. In weiter Ferne sah die Insel geradezu winzig aus und ich fragte mich, ob es wirklich drei Dörfer auf so einer begrenzten Landfläche geben konnte. Das behauptete zumindest Google Maps. Vor meiner Abreise recherchierte ich im Internet, um alles Wissenswerte über Yoshis Wahlheimat zusammenzutragen. Zu meiner Überraschung war die Recherche beendet, bevor ich sie richtig begonnen hatte. Mehr als ein paar unwesentliche Auskünfte über Flächenmaße, Besiedelung, Flora und Fauna war im gesamten World Wide Web nicht aufzutreiben. Wenigstens weiß ich, wo ich einen Campingplatz und einen Zeltverleih finden kann…nur falls Yoshi es sich doch noch anders überlegt hat…, dachte ich und wunderte mich über meine eigene Skepsis. Ganz so unbegründet erschien mir mein lausiges Misstrauen allerdings nicht. Immerhin hatte Yoshi über die ganzen Jahre hinweg keinen einzigen von Noris Briefen beantwortet. Nicht das geringste Lebenszeichen hatte er von sich gegeben. Noch nicht einmal der nahende Tod seiner einzigen Schwester konnte ihn dazu bewegen, sich auch nur ein einziges Mal bei uns zu melden.

Über Francis Kaufmann und die Reise hinter der Story

Seit vielen Jahren reise ich nach Okinawa. Ich könnte fast sagen, dass Okinawa in der Zwischenzeit zu meinem liebsten Reiseziel geworden ist. Auf den kleinen Inseln abseits der Touristenpfade führen die Menschen ein beschauliches Leben, sehr schlicht und einfach, aber umso glücklicher. Die Idee zu YADOKARI BLUE entstand auf Izenajima, einer kleinen Insel im Nordwesten Okinawas. Dort verbrachte ich zwei wunderbare Sommermonate, während der Zeit der traditionellen Inselfestivals. Es dauerte nicht lange und die Dorfbewohner hatten mich in ihre Gemeinschaft aufgenommen, mich in ihren Alltag und ihre Festivitäten integriert. Ich erlebte das wildeste Insel-Festival im August, den Sake-Regen in einer heißen Sommernacht und machte mit, was das Inselleben zu bieten hatte. Früh morgens wanderte ich zum Strand und träumte vor mich hin, machte mir Notizen und entwickelte die Idee zum Roman. Tag für Tag erfreute ich mich an der Schönheit, die ich in den Gesichtern der einfachen Menschen entdecken konnte und schätzte mich glücklich, zumindest für eine kleine Weile ein Teil der Dorfgemeinschaft zu sein. Izenajima, die kleine Insel, ist mir ans Herz gewachsen und das beschauliche Leben im kleinen Paradies wurde zur Vorlage für meinen Roman.

Francis Kaufmann, geboren im Januar 1972, ist promovierte Sozialwissenschaftlerin mit besonderem Bezug zu Südostasien und Japan. Als leidenschaftliche Globetrotterin bereist sie fremde Länder am liebsten abseits der Touristenpfade, um Kultur, Land und Leute hautnah zu erleben. Sie lebt in Süddeutschland, unweit von Salzburg an der Grenze zu Österreich.

Mehr auf der Website der Autorin – www.franciskaufmann.de